Anita Tschirwitz

Presse, etc.

 

 

 

 

 

 

 

Jürgen Hochmuth, Oktober 2015 

Ausstellungseröffnung „Die Neuen“ 2.10. 2015 in der BBK-Galerie Würzburg

 

Herzlich wilkommen

liebe Anita Tschirwitz, liebe Katrin Hubl, liebe Wiltrud Kuhfuss, lieber Wolfgang Kuhfuss, lieber Eugen Wilhelm, lieber Helmut Hirte.

Durch eure Mitgliedschaft im BBK unterstützt ihr die Idee einer Solidargemeinschaft, die bundesweit, landesweit und regional Lobbyarbeit betreibt, für die Kunst und für die, die sie machen. Als parteiunabhängige Interessenvertretung ist der BBK in Gremien und Organisationen präsent, um politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen, die die Lebens-und Arbeitsbedingungen der Künstlerinnen und Künstler tangieren, zu beobachten und ggf. zu verändern . Im Deutschen Kulturrat ist der BBK genauso vertreten wie in der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst, im Beirat der Künstlersozialkasse, im Sachverständigenrat „Kunst am Bau“ - um nur einige zu nennen. In Bayern betrifft das z.Zt. 2350 Mitglieder, bundesweit ca.10100 .

Das ist vor allem deshalb so wichtig und sinnvoll, weil nach einer Umfrage  im Jahr 2010 die Einkommensverhältnisse der befragten Mitglieder desolat sind. Über 2/3 verdienen mit ihrer Kunst keine 5000 € im Jahr, im Durchschnitt sind es sogar nur 1362 €. Das sind alles Personen, die seit Jahren Kunst als Beruf ausüben und letztlich von ihrem Beruf nicht leben können.

Lassen Sie mich deshalb im Rahmen dieser Eröffnung, in der wir 6 professionell arbeitende KünstlerInnen  vorstellen , zunächst ein paar Anmerkungen zum Thema „Kunst als Beruf“ machen.

Die Figur des Künstlers hat auch in unserer heutigen Gesellschaft nichts von seiner Faszination verloren, gilt er doch als Verkörperung von Freiheit, Individualität und nur seinen Regeln unterworfen, freigeistig, flexibel. Nun ist aber in unserer Gesellschaft der Mythos von Schöpfertum, Kreativität und Selbstbestimmung ganz allgemein zu einem Ideal, einem Merkmal für Lebensstil und  zum Kriterium für Erfolg im Berufsleben geworden und das nicht nur für hochdotierte sog. Ballkünstler. Fast täglich ist in der Presse zu lesen, wer alles Kunst macht. Das beginnt bereits im Kindergarten. 

Beispiele Zitat MP : ….. Tüte / Backkunst

Wenn also so viele „Nebenberufliche“ sich in der Öffentlichkeit präsentieren und daran partizipieren, was wir professionellen Künstler als Image aufgebaut haben, was ist dann eigentlich der Unterschied zu jemandem, der über eine gehörige Portion Individualität und Kreativität verfügt und einfach nur gerne malt ? Und wer ist dann eigentlich mit der Berufsbezeichnung „Künstler“ zu betiteln? Was macht die Person aus, deren Beruf das Herstellen der Ware Kunst ist, der dazu eine solide Ausbildung meist an einer Kunsthochschule absolviert hat, der vom Finanzamt mit seiner Tätigkeit anerkannt ist, der in der KSK für seine Altersversorgung anspart und der seine Tage – unter glücklichen Umständen- damit verbringt, Dinge zu produzieren, die man Kunst nennt und der es lebt, dass Künstler sein nicht nur ein Job ist, sondern eben auch eine Identität! Nun - unsere Plätzchen backende Kolumnistin besitzt diese Identität zweifelsfrei nicht!

Ich bin noch keinem Hobbyarzt begegnet, die Akteure der Laienschauspieltruppe Rimpar verstehen sich nicht als berufsdefinierte Schauspieler, und ich kann auch nicht der Gärtnerinnung beitreten, nur weil meine Tomaten in meinem Garten so schön geworden sind, und ich sie durchaus auf den Markt bringen könnte.

Es braucht also klare Definitionen, es braucht  ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Leistung derer, die Kunst als Beruf ausüben und die damit einen wesentlichen Beitrag zu einer humanen Gesellschaft leisten und deren Arbeit über den rein ideellen Wert hinausgeht.

Doch nun zum eigentlich Wichtigen des heutigen Abends, zur Vorstellung unserer neuen Kolleginnen und Kollegen, die alle Kunst als ihren Beruf gewählt haben.

Die Ausstellung zeigt eigentlich exemplarisch 2 Grundpositionen moderner, zeitgenössischer Kunst: EMOTION UND KONSTRUKTION bzw. GEGENSTÄNDLICHKEIT UND ABSTRAKTION. Und noch etwas kennzeichnet diese Ausstellung grundsätzlich: wir begegnen Künstlerinnen und Künstlern mit klarer, seit Jahren entwickelter einheitlicher Bildsprache und solchen, deren künstlerischer Impuls das Experiment ist.

In  Helmut Hirte verbinden sich diese beiden Pole. Er zeigt zum einen klar konstruierte, gelb gefasste Holzobjekte, die aus verklebten Einzelteilen bestehen. Durch bewusst angelegte Schnitte erreichen sie Raumbezug. Sie verzichten auf den rechten Wickel, werden zu fiktiven Architekturmodellen oder auch nur zu ästhetisch konstruktiven, minimalistischen Ereignissen im Raum. Im Kontrast dazu stehen die Fahnen, Jutegewebe, auf denen Figuratives erkennbar wird, gestickt, genäht. Materialisierte Zeichnung, sinnlich erfahrene Körper auf ungewöhnlichem Material.

Der Bildhauer H.H. legt nach seiner Ausbildung als Steinbildhauer die Meisterprüfung ab, studiert in Darmstadt Bauingenieurswesen, lernt an der Städelschule in Frankfurt freie Bildhauerei und macht sich 1979 in Aschaffenburg selbständig. Die Teilnahme an diversen Bildhauersymposien, ein Lehrauftrag an der Meisterschule für Steinbildhauer und Aufträge im öffentlichen Raum prägen seine vielfältige künstlerische Arbeit.

 

Eine ganz ähnliche Entwicklung durchläuft die Bildhauerin Katrin Hubl. Dieser Weg beginnt mit einem Studium der Kunstgeschichte. Diese für sie recht theoretisch bestimmte Kunstwelt lässt sie den Entschluss fassen, an der Berufsfachschule in Bischofsheim die Ausbildung zur Holzbildhauerin zu absolvieren. Fortbildungen im Bereich Restauration und die Meisterschule für das Schreinerhandwerk in Ebern kennzeichnen ihren weiteren beruflichen Weg. Seit 2006 nimmt sie an internationalen Bildhauersymposien teil.

Sie zeigt uns ein großes Holzrelief und weitere kleine Arbeiten im Untergeschoss. Mit diesen ausgewählten Arbeiten kann sie uns  ganz konzentriert ihre Arbeitsweise, ihre handwerkliche und künstlerische Qualität zeigen. Im Relief „Spiegelung“ steht eine weibliche Aktfigur, zart ockerfarbig lasiert dem Betrachter zugewandt, und dahinter erscheint ihr zart weißes Rückenspiegelbild. Wenn Sie näher an die Arbeit herantreten, erkennen Sie die meisterliche Behandlung der Oberfläche sowohl der Figuren als auch des Hintergrundes. Die Wahrnehmung der Bildmotive in einem größeren Abstand lässt die hohe künstlerische Sensibilität erkennen, mit der Katrin Hubl ihr Thema entwickelt.

 

Ebenfalls im figürlichen Bereich sind die Tierplastiken von Eugen Wilhelm angesiedelt. Er ist ein leidenschaftlicher und inzwischen recht erfolgreicher Keramikkünstler. Kammersieger, Landessieger, Bundessieger im Wettbewerb „Gute Form“ im Fach Keramik. Der gebürtige Ukrainer lernt in der renommierten Keramikwerkstatt Bösl das kreative Handwerk. Dabei bleibt es aber nicht, er geht nach Landshut auf die Fachschule für Keramik. Das freie Modellieren fasziniert ihn. Seine Motive entnimmt er der Tierwelt. Sie leben durch die kraftvolle Präsenz ihrer Körperformen und die innovative Gestaltung der keramischen Oberfläche. Spezielle Brandverfahren ja sogar der Bau eigener Brennöfen für ganz bestimmte Vorhaben geben seinen Darstellungen individuelle Qualität. Für uns in Würzburg steht er damit in der direkten Nachfolge des Tierplastikers Reinhold Dachlauer.

 

Anita Tschirwitz gehört zu den experimentierfreudigen Teilnehmern dieser Vorstellung. Für sie ist das Experiment die Grundlage für eine Vielzahl schöpferischer Ereignisse und das Spiel mit der Wahrnehmung eine Grundvoraussetzung für ihre Bildfindungen. Dazu kommt der Einbezug des Zufalls, gleichsam als Motor des Gestaltens. Dabei bleibt es jedoch nicht. Den künstlerischen Prozess begleitet eine analytische Strukturierung: Zufall und Bewusstheit, aus diesen Elementen entstehen ihre hoch ästhetischen Fotoarbeiten. Das Repertoire ihrer Wahrnehmungswelt ist groß, sie macht vor nichts halt, sie entdeckt mit Hilfe der von ihr bevorzugten Methode der nahen Sicht die verborgene Ästhetik des Alltäglichen. Da wird der 1:1 Ausschnitt einer Raumdecke zum ästhetischen Dokument und zum Assoziationsmaterial für ein Gedicht Ingeborg Bachmanns. In den Arbeiten mit dem Titel „Haarakiri“ spielt sie augenzwinkernd mit den technischen Abbildungsmitteln eines Kopiergerätes. Sobald die gängige Funktion des Kopierers – das statische Ablichten einer Vorlage aufgehoben wird, bietet er die Möglichkeit reizvoller, kreativer Bilderfindungen.

Anita Tschirwitz findet über Umwege zur bildenden Kunst. Nach einem Gesangsstudium an der Musikhochschule in Würzburg beginnt sie eine umfangreiche, intensive private Ausbildung zur bildenden Künstlerin. Seit nunmehr 15 Jahren beteiligt sie sich an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland.

 

Zum Schluss nun: Wiltrud und Wolfgang Kuhfuss, ein Künstlerehepaar, uns allen längst bekannt durch eine Vielzahl von Ausstellungen hier und anderswo. Das Künstlerehepaar Kuhfuss lebt und arbeitet seit vielen Jahren kongenial zusammen. Während Wiltruds  Arbeiten von Spontaneität und expressiver Empfindung geprägt sind, bei denen Brandspuren auf Verletzlichkeit und Vergänglichkeit hinweisen, sind die Bilder von Wolfgang K. von klarer Rationalität geprägt. Das zeigt der erste Blick. Wir entdecken aber auch verborgene Empfindsamkeit und tiefe Reflexion zu den bildnerischen Elementen Fläche und Raum.

„Leer Raum“ - so der Titel einer Serie von 4 Arbeiten. Die elementare künstlerische Fragestellung nach der Darstellung des Raumes auf der Fläche ist zentraler Bildinhalt dieser Tafelbilder. Sonst nichts, und das ist schon schwer genug. So zeigen die Arbeiten den Raum als unendliches Kontinuum, als leere, dunkle Weite und reflektieren so parallel zur physikalischen und philosophischen Theorie die zentrale Frage nach unserer Existenz in Zeit und Raum mit dem Mitteln der Malerei. Man muss sich einlassen auf diese Bilder: Einfach in ihre grauschwarze Farbigkeit, den gelb abgegrenzten Leerraum, diese black box eintreten, sich Zeit lassen, um unserer Wahrnehmung, aber auch unserer Empfindung Raum zu geben.

Gegenüber Wiltrud Kuhfuss:

Der Prozess, der zu ihren Bildfindungen führt, ist mehrschrittig :

Am Anfang steht eine Vorzeichnung mit Kohle, spontan, dann der Übertrag auf eine Schablone, das Übersetzen auf ein transparentes Stoffmaterial. Das Brennen der Figurränder und die abschließende Platzierung auf der Leinwand in der gefundenen Komposition.

Das Ergebnis: assoziationsoffene Figurenkompositionen mit einer großen Bandbreite menschlicher Befindlichkeiten. Gewalt, Leid, Trauer, Tanz, Berührung, Verletzung, aber auch liebevolle Zuwendung, Verschmelzung.  Wir begegnen Metaphern für Trauer und Einsamkeit ebenso wie Metaphern für Trost und  Versöhnung ……. Starke Bilder!

Beide haben vor langen Jahren an der Hochschule für Kunst und Gestaltung in Hamburg studiert.

Beide können eine lange Liste von Ausstellungsprojekten vorweisen.

Beide sind mit Arbeiten in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten.
Beide verbringen ein ereignisreiches, lebendiges gemeinsames Künstlerleben.

Beide backen manchmal Plätzchen, um sie selbst zu essen.

 

 

 

 

Pressebericht zur Ausstellung "Kaddisch" in Eichstetten am Kaiserstuhl in der Galerie im Schopf

Badische Zeitung vom 18. September 2015

 

 

 

 

Einführungsrede von Walter Bausenwein zur Ausstellung Anita Tschirwitz/Dierk Berthel in der Galerie Spitäle Würzburg am 2. Mai 2015

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Anita, lieber Dierk,

 

Lassen Sie mich mit den zwei Abbildungen auf der Einladungskarte beginnen:

Anita Tschirwitz´ Fotografie aus der dreiteiligen Serie Rotlicht und Dierk Berthels Ausschnitt seiner Skulptur mit dem Titel

3 Schlitzfiguren und eine schwarze... oder: Geburt einer fünften.

 

Verhaltene Farbigkeit, Linien, Flächen korrespondieren miteinander.

Doch die beiden Arbeiten sind eine Zufallsbegegnung, und -zugegeben- sie passen erstaunlich gut zueinander.

Ein stark reduziertes Formenrepertoire, die akribische Erkundung der Dinge, der Grundkoordinaten, welche die Welt zusammenhalten.

Nur verlaufen die Spuren in dieser Ausstellung daraufhin in unterschiedlichen Bahnen.

 

Die in Würzburg geborene Anita Tschirwitz ist studierte Sängerin

und legte das Fundament für ihre bildnerische Arbeit durch eine intensive private Ausbildung.

Seit 2000 stellt sie ihre Arbeiten bei zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland vor und arbeitet seit 2003 im eigenen Atelier in Wipfeld am Main.

 

Der Schweinfurter Dierk Berthel absolvierte nach einer Steinmetz- und Steinbildhauerlehre 

die Fachschule für Bildhauer in Aschaffenburg und ist seit 1986 als Bildhauer selbstständig. Er lebt und arbeitet in Rannungen.

Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die Bereiche Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum.

Er gewann mehrere Preise und seine Skulpturen finden sich in Kirchen, im öffentlichen Raum und in Sammlungen.

 

Diese Ausstellung bündelt zwei Bereiche des Schaffens von Anita Tschirwitz: Fotografie und Zeichnung.

Die Künstlerin lotet die objektivierbare Umgebung ihres Lebensraums aus, das heißt:

Sie erkundet dessen Topografie und erfindet ihn auf ihren Fotografien neu.

Wichtig sind die Übergänge vom fotografierten zum tatsächlichen Raum, den wir erst bei mehrmaligem Hinsehen erkennen.

 

Ihre Motive findet sie fast immer zufällig beim absichtslosen Gehen, das sich Zeit außerhalb des Alltags nehmen kann.

Für die hier gezeigte Fotografie muss sie alleine unterwegs sein und Zeit haben.

Dann entwickelt sich rasch ein anderes Sehen, und sie findet in oft unauffälligen oder alltäglichen Dingen malerische Kraft und Poesie.

Ausgangspunkt für Anita Tschirwitz´ Arbeiten sind oftmals eigene Beobachtungen, die an durchaus unscheinbaren Dingen unserer Welt ansetzen können.

Banales, das wir oft schon gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, wird zu etwas Außergewöhnlichem.

Entfremdung und Einstellung in einen anderen Kontext führen beim Betrachter zu einer neuen Wahrnehmung.

 

Die Folge solcher Erkundungen sind beispielsweise die Foto-Serien Ma(h)lstrom, Winterreise oder Eiszeit,

die auf Schiffsfronten und gefrorene Gewässer zurückzuführen sind.

Aufnahmen eines Balkons in Bali werden zur Serie Balikon.

 

Bewusste Reduzierung und das Weglassen oder Nicht-Weiterführen einer Gestaltform –

all das trägt das Element der Zeit und den Aspekt des Momentanen in sich.

  

Sie bewegt sich in ihren Kompositionen bewusst am Übergang zwischen Abstraktion und angedeuteter Gegenständlichkeit.

Bei vielen Arbeiten ist gut zu erkennen, welche Werkzeuge, Materialien und Techniken dabei verwendet wurden.

 

Fotokopien von alltäglichen Dingen führten zur vierteiligen Arbeit Zweifädig.

Schnüre und Fäden werden dafür aus ihrem gewöhnlichen Zusammenhang herausgelöst.

„Typisch für die Arbeiten der Künstlerin ist auf der einen Seite die Spontaneität,

und auf der anderen Seite die analytische Strukturierung,

die während des Arbeitsprozesses eingreift.“ (Dr. Astrid Hedrich-Scherpf)

 

In ihren Zeichnungen bedient sie sich einer verknappten, abstrakten Sprache in Anlehnung an Vertrautes in Formen und Linien.

Die künstlerischen Ausdrucksmittel sind auf ein Wesentliches konzentriert: das weiße Papier, die Tusche.

 

Gottfried Wilhelm Leibniz bezeichnet die letzte in sich geschlossene, vollendete, nicht mehr auflösbare Ureinheit als „Monade“. 

Monaden nennt Anita Tschirwitz ihre sechs Zeichnungen mit schwarzer Tusche,

und Volante (ein Begriff aus der Musik = schnell, leicht, fliegend) heißt eine 6-teilige Arbeit im quadratischen Format, die sie mit blaugrüner Tusche auf Papier bringt.

Ihre Zeichnungen geraten spielerisch in Bewegung.

Anita Tschirwitz interessieren die Dinge in ihrer Form mit ihrer Vergänglichkeit.

Alles scheint konzentriert: die Form, die Farbe wie die Bildfläche.

 

Die Installation Kaddisch (= das jüdische Totengebet)

benutzt als Arbeitsvorlage Asservate aus Konzentrationslagern, welche die jüdische Künstlerin Naomi Tereza Salmon fotografierte.

Anita Tschirwitz hat die Schwarzweiß-Fotos von Überbleibseln aus den Todeslagern wie Kämme, Rasierpinsel, Zahnersatz, Kämme, Brillen und vieles mehr

mit gestalterischen Mitteln – u.a. Fotos jüdischer Grabsteine – zum Sprechen gebracht.

Die Werke präsentiert sie nun in Reih und Glied in Ordnern und auf Leinwand auf der Empore.

 

 

 

 

Was Dierk Berthel zeigen will, entwickelt er immer durch und mit dem Material, vor allem aber durch die Kontrastierung grundverschiedener Materialien in einem Werk.

Er setzt sie in einen ungewöhnlichen erzählerischen und bewusst unklaren Zusammenhang.

Ob er Stein, Holz oder Metall bearbeitet, immer wird das Material der Form sozusagen einverleibt.

Material und Verarbeitung sind mit einem blinden Verständnis und innigen Bezug zum Werkstück gestaltet.

 

Urwüchsige Stoffe wie Eichenholz, Eisen, Stein, die grobe Oberfläche und die Arbeitstechnik des Behauens und Schweißens

lassen seine Arbeiten in einem archaisch anmutenden Zusammenhang erscheinen.

Gleich einem überdimensionalen Werkzeug, einer Apparatur aus geheimnisvollen Ur-Zeiten, deren mögliche Funktion bloß angedeutet ist, sich aber nicht eindeutig erschließt.

Immer wieder tauchen ähnliche Formen auf, wirken aber durch die verwendeten Materialien völlig unterschiedlich.

Eine funktionale Verbindung der Teile scheint ehemals, dem Scharnier ähnlich, gegeben, aber dennoch nicht eindeutig nachvollziehbar zu sein.

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang die improvisatorische, eher ungeplante Arbeitsweise Dierk Berthels,

der seine Komposition spielerisch versuchend entwickelt, einem geheimen inneren Plan folgend.

So sind die entstandenen Schlitzfiguren ein überzeugender Beitrag des Künstlers

zum Gedankenspiel der Kunst als solcher: L´art pour l´art – Kunst um der Kunst Willen,

und doch gerade dann auch um des Betrachters Willen.

  

Setzt man sich mit den Schlitzfiguren Dierk Berthels auseinander im Umschreiten, Berühren und Betrachten,

so kann man sie quasi im Gegensatz ebenfalls berühren, anregen, verweisen und weiterleiten.

Assoziationen vielfältigster Art können entstehen, auf Vergangenes verweisen und den Betrachter einbeziehen in das Werk.

 

Berthel bringt mit Schnitten, Kerben, Aushöhlungen einen Prozess in Gang, der das Material triumphieren lässt.

Bezüge des Räumlichen zueinander drücken sich in der Mehrteiligkeit der Installation mit dem Titel „Drei Schlitzfiguren und eine schwarze …oder: Geburt einer fünften“ aus.

Hartes Metall trifft auf weich geschwungene Formen aus schwarzem Moltonstoff. Die schwarzen Teile sind gelackt.

Durch Schleifen entstehen unterschiedliche Licht-Reflexionen je nach Standpunkt. Keine polierten Flächen, Arbeitsspuren und Oberflächenstrukturen bleiben sichtbar.

 

Da sind dann noch die 20 Schlitzfiguren. Eine aus Holz und Metall und 19 Betongüsse.

Die hochwertige Silikonform sorgt für eine brillante Oberfläche. Die Figur soll weiter wachsen. Auch hier ist die Skulptur je nach Raumsituation variabel.

Dualismus von innen und außen, von Statik und Bewegung, von Dichte und Transparenz.

Dierk Berthel macht die schlummernden Gesten des Materials sichtbar, schält sie durch Schnitte heraus, bringt sie buchstäblich zur Entfaltung.

 

„Die vielschichtigen offenen Werke verbindet das kraftvolle Ruhen in sich selbst.

Proportionen, polare Spannung, Flächenbeschaffenheit und Oberflächenstruktur beleben die Formen.

Bei längerer Betrachtung wird die Logik spürbar, die die einzelnen Formelemente aneinander bindet“

schreibt Jan Polacek über Berthels Arbeiten. 

„Seine Aufrichtigkeit und Achtung vor dem Werkstoff lassen uns spüren, worum es in der Bildhauerei eigentlich geht.

Keine Schöntuerei, keine geschmäcklerische Konzession vernebelt die Aura der reinen Form, und das spürt man in seinen Arbeiten.

Dierk Berthels Arbeiten stehen oder liegen für sich.“

 

  

Wenn ein Künstler genug über den Gegenstand seiner Arbeit weiß, kann er Dinge, die er kennt, weglassen.

Und dann wird der Betrachter diese Dinge so stark empfinden, als hätte der Künstler sie benannt.

Die majestätische Bewegung eines Eisbergs ist darauf zurückzuführen, dass er nur zu einem Achtel aus dem Wasser ragt.

 

Die unterschiedlichen Bahnen der beiden Künstler treffen sich hier wieder.

Offene Augen sind gefordert vom Betrachter.

Erst muss er schauen, dann kann er zu denken anfangen und sich fragen, was er da sieht.

Vielleicht wird das Sehen dann immer reicher,

vielleicht findet er zuletzt das nicht mehr Benennbare.

 

 

 

 

 

 

 


 

Auszug aus Michael von Sodens Vortrag zur Ausstellung INTERZONEN

am 13. September 2009

in der Grunewaldgemeinde Berlin

 

 

„Bei dem wahren Künstler muss das Kunstwerk, was er hervorbringen will, gleichsam erst in seiner Seele reif geworden sein. Ein Reichtum großer und edler Gedanken, die schon seine früheste Kindheit erzeugte, liegt in ihm da.

Indem nun das Maß dieser großen und edlen Gedanken gleichsam voll ist, so empfindet der Künstler einen Drang sich mitzuteilen, und seine innere Vollkommenheit gleichsam außer sich zu vervielfältigen.“

Dieser Text aus dem Jahre 1793 stammt von Karl Philipp Moritz. Er war mit Goethe befreundet und übte mit seinen Gedanken zur Ästhetik nachhaltige Wirkung auf die Autoren der klassisch-romantischen Periode aus.

 

Von alledem ist in den Arbeiten von AT so gut wie nichts zu finden, ja wir bekommen es hier gewissermaßen geradezu mit dem Gegenteil zu tun.

Einigermaßen zuverlässig lässt sich feststellen, dass wir Bilder vor uns haben.

Darin befinden sich die Resultate von Prozessen, die wir als „kreativ“ zu bezeichnen gewohnt sind. Bei vielen ist gut zu erkennen, welche Werkzeuge, Materialien und Techniken dabei verwendet wurden, beispielsweise Feder und Pinsel, Acrylfarbe, Tusche und Kreidestift; als Träger überwiegend Leinwand und Papier, doch es kommen auch auseinandergefaltete und geglättete Packpapiere aus Bananenkartons vor, deren Belüftungslöcher zu wesentlichen Gestaltungselementen avancieren. Bei manchen Arbeiten ist erkennbar, dass photographische Mittel im Spiel waren, aber AT bringt es auch fertig, Fotokopien von Schnürsenkeln, Spaghetti oder USB-Kabeln einzusetzen.

 

Deutlich schwieriger wird es, wenn man herauszufinden versucht, worum es inhaltlich geht und was hier ausgedrückt werden soll. Das Ganze mutet auf rätselhafte Weise primärprozesshaft an, eruptiv und anarchisch, vorläufig und experimentell, wild wuchernd und unaufgeräumt, schräg und schrill, manchmal einfach nur heiter so hingeworfen, manchmal aber auch wie aus Trotz hervorgegangen.

Nur so viel scheint gewiss zu sein – dass man es mit einer Sphäre des Vorgegenständlichen zu tun hat. Oder vielleicht des Nachgegenständlichen. Abstrakt ist hier jedenfalls gar nichts, und vieles ist wohl dem Zufall zu verdanken, oder dem Spiel mit ihm.

 

Und da sind dann noch die Titel, denen etwas höchst Kryptisches anhaftet. Nicht, weil sie unverständlich formuliert sind, im Gegenteil: was man da lesen kann, ist oft lustig, hat auch etwas Kalauerndes, entstammt zumeist der Welt der Märchen und Mythen oder der Lyrik und Musik und ist daher durchaus geläufig. Aber in diesem Zusammenhang?

 

Was ich meine, möchte ich an einer Arbeit mit dem Titel In Memoriam Karlheinz Stockhausen: „Der Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ exemplarisch aufzeigen. Es handelt sich um eine Reihe von Blättern mit sonderbaren weißlichen Krakeln auf dunkelgrauem Grund. Wie Seitenausrisse aus einem alten Buch mit fremdartigen Schriftzeichen. Diese Krakel sind durch Beträufeln und Verteilen von Aceton auf Filmmaterial zustande gekommen. Die scharfe Substanz griff die lichtempfindliche Schicht an, zerstörte sie zum Teil und verdunstete. Anschließend ließ AT im Fotolabor von diesen derartig traktierten Negativen Vergrößerungen herstellen.

 

Das titelgebende Werk von Stockhausen ist ein Tonbandstück aus dem Jahre 1956, das ebenso wie der „Gesang der Jünglinge“ nur den wenigsten bekannt sein dürfte.

Der Komponist ließ sich hierbei von einem Bibeltext anregen. Darin geht es um Folgendes: König Nebukadnezar hatte ein gewaltiges goldenes Standbild aufrichten lassen und verlangte von seinem Volk, dass es dieses Monument anbete. Drei junge Männer, fromme Juden, verweigerten sich diesem blasphemischen Befehl, und so wurde die bei Zuwiderhandlung angedrohte Strafe verhängt: Verbrennung bei lebendigem Leib. Der Gesang zum Lobpreis ihres Gottes, den die Jünglinge im Verbrennungsofen daraufhin anstimmten, wirkte Wunder. Sie blieben unversehrt, und Nebukadnezar wies das Volk an, fortan nur noch den Gott der Jünglinge zu verehren.

Die ungeheure Symbolkraft und Dramatik dieser Geschichte hat den Komponisten Karlheinz Stockhausen zutiefst berührt.

 

Nun wäre es aber ganz verfehlt, den Bibeltext, das Tonbandstück und die Blätter mit den Krakeln in eine chronologische Abfolge mit kausaler Verknüpfung zu stellen.

Solcher „Direktkontakt“ kommt nirgends vor in den Arbeiten von AT. Denn sie ist keine Illustratorin.

 

Nicht immer ganz so hermetisch wie in diesem Fall, aber doch immer irritierend verhält es sich auch bei ihren übrigen Arbeiten. Schon ohne Titel muten sie wie Chiffren an, aber das, was draufsteht, „erklärt“ nicht, was drin ist, sondern macht alles noch rätselhafter, denn Anhaltspunkte für eine Rückübersetzung ins „Eigentliche“ oder „Gemeinte“ werden nicht gegeben.

 

Sollte es sich bei all diesem Zusammenwirken von Absicht und Zufall um späte und aus der Reihe tanzende Beiträge zur Romantischen Ironie handeln, die doch immer alles in der Schwebe halten und sich nicht festlegen lassen wollte.

 

Vielleicht. Aber was jetzt?

 

Wir alle haben ein mehr oder weniger enges Verhältnis zum Zufall...

 

So begibt sich AT vorzugsweise und zumeist mit griffbereiter Kamera an Orte, denen Inspirationsquellen entspringen könnten und infolgedessen ihrer Arbeit dienlich sind...

 

Die Folge von solchen Erkundungen sind beispielsweise die Serien „Blockbildung“ und „Megacity“, die sich dem schöpferischen Verweilen auf dem Lagerplatz einer Holzfirma verdankt. Zudem füllt sich ihr Atelier mit allerlei Kuriositäten unterschiedlichen Verrottungsgrades zwecks etwaiger Wiederverwendung.

 

Das ist vielleicht das einzige, was sich im Hinblick auf eine methodische Ein- und Zuordnung der Künstlerin sagen lässt: sie ist den Reizen von „objets trouvèes“ sehr aufgeschlossen, und damit jener Ästhetik, die in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts Schule machte. Doch damit allein ist noch nicht viel geklärt.

 

Um hiermit weiter voranzukommen, möchte ich nochmals Karl Philipp Moritz zitieren.“Das SCHÖNE betrachtet man nicht, insofern man es gebrauchen kann, sondern man braucht es nur, insofern man es betrachten kann.“

 

Nach alldem lässt sich vielleicht annehmen, dass wir es bei den Arbeiten von AT mit einer Phänomenologie des Findens zu tun haben.

Mit Finden meine ich hier aber nicht nur das unerwartete Entdecken von Dingen, sondern ebenso von prozeduralen Möglichkeiten. Beispielsweise jener, dass das Einstreuen von Asche beim Malen mit Acrylfarbe zu sonderbaren Effekten führt – haptischen und chromatischen. Wer ihre Arbeiten aufmerksam betrachtet, wird vieles von dieser Art bemerken können.

 

Der Begriff INTERZONEN, den AT zur Charakterisierung ihrer Ästhetik gewählt hat, ist viel klarer als die schwindelerregende Formulierung von Peter Handtke, der sich wohl ebenfalls in dieser Sphäre aufgehalten hat und sie als „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ bezeichnete.

INTER bedeutet „dazwischen“ und „zweierlei verbindend“. Nämlich das Innere und das außerhalb Befindliche, Ich und Nicht-Ich.

 

Und damit ist bereits eine Antwort auf die noch offene Frage angedeutet, von welcher Art DAS SCHÖNE in den Arbeiten von AT ist:

...Dass ich das plötzlich erlebe – dieses Verrückt-Werden – darin vor allem besteht das eigentümlich SCHÖNE dieser Kunst.

 

Ich habe die Arbeiten der Künstlerin als Beiträge zur Romantischen Ironie bezeichnet. Damit meine ich jedoch nicht, dass sie von nostalgischer Vorgestrigkeit geschlagen ist. Im Gegenteil.

 

Ihre Kunst halte ich vielmehr für ihren individuellen Einspruch gegen eine Epoche, die sich an organisierter Verblödung begeistert.

Dagegen wehrt sie sich mit subtiler Provokation und sarkastischer Subversivität.

 

Die Schönheit ihrer Arbeiten beruht nicht auf der jeweiligen Vollkommenheit in sich, wie die klassisch-romantische Ästhetik es verlangte, sondern darin, dass sie den Betrachter sphinxhaft oder sirenenartig verführen, ihren Lockungen zu folgen.

 

Wir werden uns immerfort in neuen Interzonen bewegen. Bewegen müssen.

Das mit sprudelnder Bizarrerie und Penetranz vor Augen zu führen, ist ATs Kunst, die jeden Betrachter zu einer Begegnung mit sich selbst verleiten könnte.


 

 


Aus der Einführungsrede zur Eröffnung der Ausstellung

QUODLIBET

Kunstverein Bad Neustadt am 31.3.2007 von
Dr. Astrid Hedrich-Scherpf

Quodlibet, d.h. wie es beliebt – Allerlei und Verschiedenes wird geboten. Wir begegnen farbintensiven Acrylarbeiten, nehmen Fotografien wahr. Das Auge tanzt über Tuscharbeiten und Zeichnungen wie über ein Notenblatt hinweg. Wie bei einem Musikstück klingt Unterschiedliches zusammen. Lassen Sie sich einstimmen auf ein malerisches Quodlibet.....

Und wie der Titel schon sagt – der eigentlich aus der Musik entliehen ist – gibt es Allerlei und Verschiedenes aus allen Bereichen zu sehen: Acrylmalerei, Mischtechniken, Grafisches, Tuschblätter und Fotografien.....

Aus der Serie Infinito nero mit dem Untertitel Alles Banane sind vier Arbeiten auf braunem Papier zu sehen.
Das Zentrum der Komposition bilden gestanzte Löcher auf weißem Grund in fast kreisförmiger Anordnung. Liniengeflecht, organisch anmutende Form und mechanisch Wirkendes bestimmen die Struktur. Die Flächigkeit der Formen wird dabei betont. Alles wirkt urwüchsig. Brauntöne bestimmen den Charakter der Arbeit. Assoziationen zu afrikanischer Kunst stellen sich ein. Was hat das alles mit Banane zu tun?
Haben Sie schon einmal Bananen aus ihrer Verpackungskiste herausgeholt und das Papier darin betrachtet? Ein dickes Papier mit gestanzten Löchern in der Mitte kommt zum Vorschein. Genau dieses feste, braune Papier – eigentlich ein Abfallprodukt – wird gefaltet, geknickt und als Grundlage für die Arbeit von der Künstlerin verwendet. Es ist charakteristisch für die Werke von Anita Tschirwitz, dass sie alltägliche Dinge in einen neuen Kontext setzt.  

Banales, das wir oft schon gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, wird zu etwas Außergewöhnlichen in ihren Arbeiten. Entfremdung und Einstellung in einen geänderten Kontext erzwingen beim Betrachter eine andere Wahrnehmung. Solche alltäglichen Dinge zeigen die Serien mit Spaghetti, Schnürsenkel und dem Griff einer Plastiktüte. Auf den ersten Blick kaum erkennbar, so eminent ist der Grad der Abstraktion und der Ästhetik. Aber nicht nur das, wiederum ist es der geänderte Kontext der Dinge, der uns erneut aufmerken lässt. Alltägliches erfährt einen Bedeutungswandel.
Da werden Spaghetti zum Bestandteil einer geometrischen Komposition. Fragile Konstruktionen aus Stäben entstehen und werden mit Farbformen ergänzt.Der Schnürsenkel bildet sich zur gewundenen, kraftvollen Linie heraus, gepaart mit roten Farbbahnen, die das Auge wie den Verstand in Bewegung halten.
Der Griff einer Plastiktüte, das wohl banalste Sinnbild unserer Konsumgesellschaft, wird zum wesentlichen Teil der Komposition. Gefaltet, angeordnet in der Fläche, kaum wiederzuerkennen, erfährt er mit zeichnerischen Mitteln seine Vollendung.

Der Prozess der Verfremdung, findet hier mittels der Fotokopie statt. Der Kopierer dient als Medium der Verfremdung. Er lichtet ab. Er „belichtet“ eben anders.
Auch hier ist es die Herauslösung des Gegenstandes aus seinem gewöhnlichen Zusammenhang, der einen Bedeutungswandel letztendlich verursacht.

Typisch für die Arbeiten der Künstlerin sind auf der einen Seite die Spontaneität, deren Ausgangspunkt oft ein Zufallsprodukt oder ein Fundstück ist, und auf der anderen Seite die analytische Strukturierung, die während des Arbeitsprozesses eingreift.     In brauner Tusche auf weißem Papier erscheinen die Blätter der Serie Herzgewächse.
Pulsierend, sich drehend, um ein Zentrum rotierend formen sich die Gebilde. Feine Linien, die sie wie Adern umgeben, nehmen die Bewegung auf, um dann doch zu erstarren und als Stein entlarvt zu werden.
Literarische Assoziationen drängen sich auf wie „ein Herz aus Stein“.
Die künstlerischen Ausdrucksmittel sind auf ein Wesentliches reduziert: das weiße Papier, die braune Tusche.
Alles scheint konzentriert: die Form, die Farbe wie die Bildfläche. Ein Schwingen entsteht zwischen kraftvoller Masse und organisch wirkender Form.

Immer wieder tritt in den Arbeiten von Anita Tschirwitz das Motiv des Kreises auf, mal Kreis, mal Scheibe oder gebogene Linie. Der Kreis steht für Vollkommenheit und für die Konzentration um einen Mittelpunkt. Er ist Sinnbild für Kraft und Energie. Da er weder Anfang noch Ende hat, ist er das Symbol für Immerfortwährendes, sich stetig Erneuerndes.  

Neben den Bildwerken in Acryl, Mischtechnik, Silikatkreide, Tusche und Zeichnung nehmen die fotografischen Arbeiten einen breiten Raum im Schaffen der Künstlerin ein.....
Ähnlich wie bei den grafischen Arbeiten zeigen auch die Fotoarbeiten den ungewöhnlichen Blick auf Vertrautes. Oft ist es erst der zweite oder dritte Blick, der das eigentliche Motiv entdeckt.....

Ein archaisches Auge mit ein, zwei und drei Pupillen oder ein Boot mit Kugeln erweist sich als Schale mit Pflaumen.
Und was aussieht wie ein von einer Spitze hinabrollender Kieselstein, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein liegendes Ei neben einer Schale – immer ein Stück weiter gerollt seine Position verändernd.

Ähnliches ist  bei den Löffeln auszumachen. Es handelt sich nicht um unscharfe Aufnahmen eines Löffelstiels, sondern um Momentanaufnahmen. So rieselt einmal von der Löffelfläche Zucker herab, ein anderes Mal tropft Milch, bzw. Honig als dünner Faden vom Gefäß. Beide Male legen sich in den Aufnahmen Suggestion und eigentliche Aktion übereinander.

Es findet ein Spiel mit unserer optischen Wahrnehmung statt.